Du warst 12½ Jahre im Stadtrat. Warum hast du dich entschieden, gerade jetzt zurückzutreten?
Bettina Jans-Troxler: Wir sind seit Sommer 2023 Teil des Stadtklosters Frieden, wo ich viele zeitliche und denkerische Kapazität investiere. So habe ich gemerkt, dass es Zeit ist, mich zu fokussieren und mich schweren Herzens aus dem Stadtrat zu verabschieden. Zudem war mir 2024 die Unterstützung von Debora Alder-Gasser bei ihrem Einstieg in den Stadtrat ein grosses Anliegen.
Erinnerst du dich noch an deine erste Stadtratssitzung? Was waren damals deine ersten Eindrücke?
Meine allererste Stadtratserfahrung war der Ausflug, damals nach Zug. Ich habe unsere kleine Tochter im Tragtuch mitgenommen, weil das am einfachsten ging mit dem Stillen. Und ich habe auf der Carfahrt meine Kolleginnen und Kollegen grad von ihrer persönlichen Seite her kennengelernt. Die erste eigentliche Sitzung fand später im Saal des National statt und Matthias Stürmer, mein damaliger Kollege, hat mich da gut eingeführt.
Gab es in diesen 12½ Jahren eine Entwicklung in der politischen Kultur des Stadtrats?
Die Zusammensetzung ist immer mehr nach links gerutscht und einseitiger geworden. Die Ratslinke ist heute nicht mehr auf die Mitte-Parteien angewiesen, wie das zu Beginn noch der Fall war. Zudem ist das Bewusstsein verloren gegangen, wie wichtig die Vernetzung für Stadtratsmitglieder ist. An Anlässen von Burgergemeinde oder EWB nehmen heute viel weniger Stadtratsmitglieder teil als früher.
Was sind die Auswirkungen dieser Linkslastigkeit?
Zum Beispiel diskutieren wir zu jedem Bauvorhaben viele Anträge für Partizipation, Nachhaltigkeit, Biodiversität usw., obwohl solche Themen ja auch dem links dominierten Gemeinderat ein grosses Anliegen sind. Ganz links gibt es ein starkes Bubble-Denken, das mir bezüglich der gesellschaftlichen Entwicklung Sorgen bereitet, weil dadurch die Diskussionskultur Schaden nimmt.
Wenn man keinen Einblick ins konkrete Politisieren der Linksparteien im Rat hat, tönen ihre Wahlkampfargumente sehr gut. Die Wählenden sollten aber auch auf die Gesprächskultur schauen und ob Politikerinnen und Politikern das langfristige Wohl unserer Stadt wichtig ist oder nur grad die kurzfristigen Anliegen der eigenen Klientel.
Was bedeutet das für die EVP Stadt Bern?
Mitte-Politik ist kommunikativ immer anspruchsvoll. Gegen gewisse linke Forderungen zu argumentieren, ist doch ziemlich komplex, wenn einem die Gerechtigkeit und der Wert aller Menschen am Herzen liegt. So wurde in einem Votum auch mal gesagt: «Ihr EVPler seid doch für Nächstenliebe, ihr könnt nicht gegen dieses Anliegen sein.»
Du warst über Jahre Mitglied in der Kommission für Soziales, Bildung und Kultur (SPK) und hast sie auch präsidiert. Was hat dich daran besonders interessiert?
Die sozialen Themen haben mich sehr interessiert. Wir haben zum Beispiel Schulreglementsänderungen oder das Reglement für die Kinderbetreuung diskutiert. Bei der Schulinformatik konnte ich nach dem schwierigen Start in einer Begleitgruppe nah dran sein und ausserdem schauen, was es in der Sozialhilfe braucht, nachdem die Einführung einer neuen Fallführungssoftware viele Probleme verursachte.
Nicht einfach war für euch, dass ihr 2024 die Fraktion von der GFL zur GLP wechseln musstet. Wie bewertest du diesen Wechsel im Rückblick?
Es war eine nicht einfache Zeit, aber ich versuchte es nicht persönlich zu nehmen, dass wir vor den Wahlen aus der GFL/EVP-Fraktion geworfen wurden. Zum Glück sind die meisten Freundschaften bestehen geblieben.
Was nimmst du aus deiner Tätigkeit im Stadtrat mit?
Viele wervolle Erfahrungen und auch Freundschaften, die ich ohne Stadtrat nicht hätte.
Interview: Barbara Streit-Stettler
Das Interview befindet sich im PDF der Publikation «EVP-Info» 1/2026